Schwere Schaltanlage mit Kupferschienen und Lichtbogenschutzabschirmung in industrieller Werkstatt.

Welche Normen regeln den Lichtbogenschutz in Schaltanlagen?

Der Lichtbogenschutz in Schaltanlagen wird in erster Linie durch die internationale Norm IEC 61641 geregelt, die spezifische Anforderungen an den Lichtbogenfehlerschutz in Niederspannungs-Schaltanlagen definiert. Ergänzend dazu legt die IEC 61439 allgemeine Sicherheitsanforderungen für Schaltgerätekombinationen fest, die auch den Schutz vor Lichtbogenfehlern einschließen. Dieser Artikel erläutert die wichtigsten Normen, erklärt deren Anforderungen und zeigt, was das in der Praxis für Betreiber von Schaltanlagen bedeutet.

Welche konkreten Anforderungen legt die IEC 61641 fest?

Die IEC 61641 legt fest, wie Niederspannungs-Schaltanlagen auf einen internen Lichtbogenfehler reagieren müssen, um Personen und Anlagen zu schützen. Konkret definiert die Norm vier Kriterien, die nach einem kontrollierten Lichtbogenversuch erfüllt sein müssen: Keine gefährlichen Teile dürfen die Anlage verlassen, keine Türen oder Abdeckungen dürfen sich öffnen, kein Lichtbogen darf nach außen durchschlagen, und die Schutzerdung muss intakt bleiben.

Diese Anforderungen beziehen sich auf den sogenannten Klassifizierungstest, bei dem ein künstlich erzeugter Lichtbogenfehler unter definierten Bedingungen ausgelöst wird. Die Anlage muss dabei beweisen, dass sie den Fehler intern begrenzt und keine unmittelbare Gefahr für Personen in der Nähe entsteht.

Die Norm unterscheidet außerdem zwischen verschiedenen Zugänglichkeitsstufen. Je nachdem, ob sich Bedienpersonal in einem bestimmten Abstand zur Anlage aufhalten kann, gelten unterschiedliche Schutzklassen. Anlagen in bedienernahen Umgebungen unterliegen strengeren Anforderungen als solche in abgesperrten Technikräumen.

Wichtig ist: Die IEC 61641 ist keine eigenständige Produktnorm, sondern ein ergänzendes Prüfverfahren. Sie wird typischerweise in Verbindung mit der IEC 61439 angewendet und gibt Herstellern sowie Planern klare Prüfkriterien an die Hand, um den Lichtbogenschutz nachvollziehbar zu dokumentieren.

Was regelt die IEC 60439 bzw. IEC 61439 beim Lichtbogenschutz?

Die IEC 61439, die die ältere IEC 60439 abgelöst hat, ist die grundlegende Normenreihe für Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen. Sie regelt die allgemeinen Anforderungen an Konstruktion, Prüfung und Leistungsnachweis von Schaltanlagen, enthält jedoch keinen eigenständigen Lichtbogentest. Der Lichtbogenschutz wird in der IEC 61439 als Teil der Kurzschlussfestigkeit und der mechanischen Festigkeit der Gehäuse behandelt.

Die Normenreihe IEC 61439 besteht aus mehreren Teilen, die unterschiedliche Anlagentypen abdecken:

  • IEC 61439-1: Allgemeine Festlegungen, die für alle Schaltgerätekombinationen gelten
  • IEC 61439-2: Besondere Anforderungen an Niederspannungs-Hauptverteilungen (NSHV)
  • IEC 61439-3: Anforderungen an Installationsverteiler für Laien
  • IEC 61439-4 bis -6: Weitere spezifische Anwendungsbereiche wie Baustromverteiler oder Busbar-Trunking-Systeme

In Bezug auf den Lichtbogenschutz verlangt die IEC 61439, dass Hersteller die Kurzschlussfestigkeit ihrer Anlagen nachweisen. Dieser Nachweis kann durch Typprüfungen oder durch rechnerische Verifikation erfolgen. Der Lichtbogentest nach IEC 61641 geht darüber hinaus und prüft gezielt das Verhalten bei einem internen Lichtbogenfehler, der sich von einem einfachen Kurzschluss unterscheidet.

Welche Unterschiede bestehen zwischen nationalen und internationalen Normen?

International gelten die IEC-Normen als Referenzrahmen, während in Deutschland die VDE-Normen die rechtsverbindliche Grundlage bilden. Die VDE-Normen übernehmen die IEC-Normen in der Regel als DIN VDE-Normen und ergänzen sie teilweise mit nationalen Besonderheiten. Für den Lichtbogenschutz bedeutet das: Die IEC 61641 gilt in Deutschland als DIN EN IEC 61641 und ist damit direkt anwendbar.

Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Verbindlichkeit. Während IEC-Normen technische Mindeststandards beschreiben, können nationale Normen in bestimmten Bereichen strengere Anforderungen stellen. In Deutschland spielt die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) eine wichtige Rolle: Sie empfiehlt in ihren Regelwerken konkrete Schutzmaßnahmen gegen Lichtbogenunfälle, die über den reinen Normtext hinausgehen können.

Für europäische Projekte gilt zudem, dass harmonisierte Normen, die im Amtsblatt der EU veröffentlicht werden, eine Konformitätsvermutung mit der Niederspannungsrichtlinie begründen. Das bedeutet: Wer nach DIN EN IEC 61439 und DIN EN IEC 61641 baut und prüft, erfüllt in der Regel die europäischen Sicherheitsanforderungen. Bei internationalen Projekten außerhalb Europas müssen dagegen länderspezifische Normen wie die NFPA 70 (USA) oder die AS/NZS 3439 (Australien) beachtet werden, die eigene Anforderungen an den Lichtbogenschutz stellen.

Wie wird der Lichtbogenschutz in der Praxis nachgewiesen?

Der Nachweis des Lichtbogenschutzes erfolgt in der Praxis entweder durch einen Typprüfbericht nach IEC 61641 oder durch eine Bewertung auf Basis von Konstruktionsmerkmalen und Berechnungen. Beim Typprüfverfahren wird ein repräsentatives Muster der Schaltanlage einem kontrollierten Lichtbogenversuch unterzogen, bei dem definierte Fehlerströme und Fehlereinleitungspunkte vorgegeben sind. Unternehmen, die auf langjährige Erfahrung im Bereich Energie- und Anlagentechnik zurückgreifen können, sind dabei in der Lage, diese Nachweiskonzepte effizient und normkonform umzusetzen.

Typprüfung nach IEC 61641

Bei der Typprüfung wird ein Lichtbogen an kritischen Stellen innerhalb der Anlage gezündet, typischerweise an Sammelschienen, Abgangsklemmen oder Einspeiseleitungen. Der Prüfstrom und die Fehlerdauer richten sich nach den realen Betriebsbedingungen der späteren Installation. Nach dem Versuch prüfen Sachverständige anhand der vier Kriterien der IEC 61641, ob die Anlage bestanden hat.

Rechnerischer Nachweis und Konstruktionsverifikation

Nicht jede Anlage kann oder muss einen vollständigen Lichtbogentest durchlaufen. In vielen Fällen akzeptieren Planer und Betreiber einen rechnerischen Nachweis, der auf verifizierten Bauteileigenschaften und Konstruktionsmerkmalen basiert. Dieser Weg ist zulässig, wenn der Hersteller nachweisen kann, dass die Anlage in Aufbau und Materialien einer bereits geprüften Referenzanlage entspricht. Für sicherheitskritische Anlagen in der Industrie empfiehlt sich dennoch der direkte Typprüfnachweis.

Wann müssen bestehende Schaltanlagen nachgerüstet werden?

Eine gesetzliche Pflicht zur Nachrüstung bestehender Schaltanlagen auf den aktuellen Lichtbogenschutzstandard besteht in Deutschland grundsätzlich nicht, solange die Anlage dem Stand der Technik zum Zeitpunkt ihrer Errichtung entsprach. Nachrüstpflichten entstehen jedoch, wenn wesentliche Änderungen an der Anlage vorgenommen werden, sich die Betriebsbedingungen ändern oder eine Gefährdungsbeurteilung konkrete Risiken identifiziert.

In der Praxis lösen folgende Situationen häufig eine Überprüfung und mögliche Nachrüstung aus:

  • Erhöhung des Kurzschlussstroms durch Netzveränderungen oder neue Einspeisungen
  • Änderung der Nutzung, zum Beispiel wenn Bedienpersonal nun regelmäßig in der Nähe der Anlage arbeitet
  • Erweiterung oder Umbau der Schaltanlage, die als wesentliche Änderung gilt
  • Ergebnisse der wiederkehrenden Prüfung nach DGUV Vorschrift 3, die Mängel im Lichtbogenschutz aufzeigen

Betreiber sind zudem durch das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Wenn dabei festgestellt wird, dass Personen einem erhöhten Lichtbogenrisiko ausgesetzt sind, kann eine Nachrüstung mit modernen Schutzmaßnahmen erforderlich werden, auch wenn die Anlage formal den Normen ihrer Errichtungszeit entspricht.

Welche Rolle spielen Lichtbogendetektionssysteme im Normkontext?

Lichtbogendetektionssysteme sind im Normkontext als ergänzende Schutzmaßnahme anerkannt, ersetzen jedoch nicht die konstruktiven Anforderungen der IEC 61641. Sie erkennen einen entstehenden Lichtbogen innerhalb von Millisekunden und lösen den vorgelagerten Schutzschalter aus, bevor der Fehler sich vollständig entwickelt. Damit reduzieren sie die Lichtbogenenergie erheblich und verringern das Schadensausmaß. Moderne Steuerungs- und Automatisierungstechnik spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle, da sie eine schnelle und zuverlässige Auslösung der Schutzeinrichtungen ermöglicht.

In der Normenwelt werden Lichtbogendetektionssysteme in der IEC 62606 geregelt, die Anforderungen an Lichtbogen-Fehlerschutzeinrichtungen (AFDD) für Hausinstallationen beschreibt. Für industrielle Schaltanlagen existieren spezifischere Lösungen, die auf der Basis von Lichtintensitäts- und Stromsensoren arbeiten und in die übergeordnete Schutzlogik der Anlage eingebunden werden.

Aus normativer Sicht gilt: Wenn ein Lichtbogendetektionssystem nachweislich die Fehlerenergie auf ein Niveau reduziert, das die Kriterien der IEC 61641 erfüllt, kann es als Teil des Nachweiskonzepts anerkannt werden. Das erfordert jedoch eine sorgfältige Dokumentation und in vielen Fällen eine Abstimmung mit dem Anlagenhersteller und dem Prüfinstitut. Für Betreiber bedeutet das: Lichtbogendetektionssysteme sind eine sinnvolle Ergänzung, besonders bei älteren Anlagen, die konstruktiv nicht nachgerüstet werden können.

Wie wir bei KSV beim Lichtbogenschutz in Schaltanlagen unterstützen

Normkonformer Lichtbogenschutz erfordert mehr als das Lesen von Normentexten. Er verlangt fundiertes Planungswissen, Erfahrung in der Dimensionierung von Schaltanlagen und die Fähigkeit, Nachweiskonzepte praxistauglich umzusetzen. Genau hier setzen wir an. Mehr über unsere Arbeitsweise und Werte erfahren Sie auf unserer Unternehmensseite.

Als Spezialist für Energieverteilungssysteme und Schaltanlagenbau begleiten wir unsere Kunden von der Planung bis zur Inbetriebnahme. Unser Leistungsangebot im Bereich Lichtbogenschutz und Schaltanlagensicherheit umfasst:

  • Normkonforme Planung und Dimensionierung von Niederspannungshauptverteilungen nach IEC 61439 und IEC 61641
  • Gefährdungsbeurteilungen für bestehende Schaltanlagen und Ableitung von Nachrüstmaßnahmen
  • Integration von Lichtbogendetektionssystemen in neue und bestehende Anlagen
  • Dokumentation und Nachweisführung für Typprüfungen und konstruktive Verifikationen
  • Wartung und wiederkehrende Prüfungen nach DGUV Vorschrift 3

Wir bauen Schaltanlagen bis 7.000 Ampere und kennen die Anforderungen industrieller Produktionsumgebungen aus mehr als 45 Jahren Projekterfahrung. Sprechen Sie uns an und lassen Sie uns gemeinsam prüfen, wie Ihre Schaltanlage sicher und normkonform aufgestellt ist.

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