Oberschwingungen stellen in modernen Industrieanlagen eine zunehmende Herausforderung dar, die erhebliche Auswirkungen auf die elektrische Infrastruktur haben kann. Diese unerwünschten Frequenzkomponenten entstehen durch die wachsende Anzahl nichtlinearer Verbraucher wie Frequenzumrichter, Schaltnetzteile und LED-Beleuchtung in Produktionsumgebungen.
Die Folgen reichen von vorzeitigem Verschleiß elektrischer Komponenten über Störungen in der Steuerungs- und Automatisierungstechnik bis hin zu kostspieligen Anlagenausfällen. Für Produktionsleiter und technische Verantwortliche ist es daher entscheidend, die Mechanismen und Auswirkungen von Oberschwingungen zu verstehen und geeignete Maßnahmen zur Sicherstellung der Netzqualität zu ergreifen.
Was sind Oberschwingungen und wie entstehen sie in industriellen Anlagen?
Oberschwingungen sind Frequenzkomponenten, die ein ganzzahliges Vielfaches der Grundfrequenz von 50 Hz darstellen und durch nichtlineare elektrische Verbraucher verursacht werden. Sie überlagern sich der sinusförmigen Grundschwingung und führen zu einer Verzerrung der Spannungs- und Stromkurvenform.
In industriellen Anlagen entstehen Oberschwingungen hauptsächlich durch moderne elektronische Betriebsmittel. Frequenzumrichter für Motoren, Schaltnetzteile in der Automatisierungstechnik, Schweißgeräte und elektronische Vorschaltgeräte ziehen Strom nicht kontinuierlich, sondern in kurzen Impulsen. Diese gepulste Stromaufnahme erzeugt harmonische Frequenzen, die sich im gesamten Versorgungsnetz ausbreiten.
Die Stärke der erzeugten Oberschwingungen hängt von der Art und Anzahl der nichtlinearen Verbraucher ab. Besonders problematisch sind ungeradzahlige Harmonische wie die 3., 5., 7. und 11. Oberschwingung, da diese die stärksten Amplituden aufweisen und die größten Störungen verursachen.
Welche Schäden verursachen Oberschwingungen an der elektrischen Infrastruktur?
Oberschwingungen führen zu erhöhten Verlusten, Überhitzung elektrischer Komponenten, Störungen in Steuerungssystemen und vorzeitigem Ausfall von Betriebsmitteln. Die zusätzlichen Verluste können die Energiekosten um 5 bis 15 Prozent erhöhen.
Transformatoren leiden besonders unter Oberschwingungen, da diese zusätzliche Wirbelstromverluste und Überhitzung verursachen. Die Lebensdauer kann sich dadurch erheblich verkürzen. Kondensatoren zur Blindleistungskompensation sind ebenfalls gefährdet, da Oberschwingungen zu Resonanzeffekten führen können, die zur Zerstörung der Kondensatoren führen.
In der Automatisierungstechnik verursachen Oberschwingungen Störungen in SPS-Systemen, Messgeräten und Kommunikationsverbindungen. Falsche Messwerte, ungewollte Schalthandlungen oder Kommunikationsausfälle können die Folge sein. Neutralleiter werden durch den Nullleiterstrom der 3. Harmonischen überlastet, was zu Überhitzung und Brandgefahr führen kann.
Wie misst und bewertet man Oberschwingungen in Produktionsanlagen?
Oberschwingungen werden mit Netzanalysatoren gemessen, die den THD-Wert (Total Harmonic Distortion) und die einzelnen Harmonischen bis zur 50. Ordnung erfassen. Die Bewertung erfolgt nach den Grenzwerten der DIN EN 50160 und IEEE 519.
Die Messung sollte über mindestens eine Woche an verschiedenen Messpunkten der Anlage durchgeführt werden, um ein vollständiges Bild der Oberschwingungsbelastung zu erhalten. Kritische Messpunkte sind die Hauptverteilung, Unterverteilungen mit hoher Last nichtlinearer Verbraucher und sensible Bereiche der Automatisierungstechnik.
Der THD-Wert gibt die Gesamtverzerrung als Prozentsatz der Grundschwingung an. Für die Spannung sollte der THD unter 8 Prozent liegen; für den Strom gelten je nach Netzebene unterschiedliche Grenzwerte. Zusätzlich müssen die einzelnen Harmonischen bewertet werden, da bereits einzelne stark ausgeprägte Oberschwingungen problematisch sein können. Professionelle Mess- und Prüftechnik ist dabei unerlässlich für präzise Ergebnisse.
Welche Lösungen gibt es zur Reduzierung von Oberschwingungen?
Aktive und passive Filter, Drosseln, oberschwingungsarme Frequenzumrichter und optimierte Netzstrukturen sind die wichtigsten Lösungsansätze zur Reduzierung von Oberschwingungen. Die Wahl der Maßnahme hängt von der Art und Stärke der Oberschwingungsquelle ab.
Passive Filter bestehen aus LC-Kombinationen, die für bestimmte Harmonische dimensioniert werden. Sie sind kostengünstig, aber nur für spezifische Frequenzen wirksam. Aktive Filter hingegen können mehrere Harmonische gleichzeitig kompensieren und passen sich dynamisch an veränderte Lastbedingungen an.
Netzdrosseln vor Frequenzumrichtern reduzieren die Oberschwingungsemission bereits an der Quelle. Moderne Frequenzumrichter mit aktiver Gleichrichtung oder mehrstufigen Umrichtern erzeugen von vornherein weniger Oberschwingungen. Eine optimierte Netzstruktur mit getrennten Versorgungen für lineare und nichtlineare Verbraucher kann ebenfalls zur Problemlösung beitragen.
Wann sollten Unternehmen eine Oberschwingungsanalyse durchführen lassen?
Eine Oberschwingungsanalyse sollte bei Anlagenmodernisierungen, häufigen Störungen elektrischer Betriebsmittel, hohen Energiekosten oder vor der Installation größerer nichtlinearer Verbraucher durchgeführt werden. Auch bei Problemen mit der Automatisierungstechnik ist eine Analyse sinnvoll.
Besonders wichtig ist eine präventive Analyse vor größeren Investitionen in die elektrische Infrastruktur. Als spezialisiertes Unternehmen für Energie- und Anlagentechnik planen und realisieren wir komplette Energieversorgungssysteme und berücksichtigen dabei von Anfang an die Netzqualität und mögliche Oberschwingungsprobleme.
Unternehmen mit einem hohen Anteil elektronischer Antriebe, Schweißanlagen oder anderen nichtlinearen Verbrauchern sollten regelmäßig die Netzqualität überwachen. Eine frühzeitige Erkennung von Oberschwingungsproblemen verhindert kostspielige Ausfälle und verlängert die Lebensdauer der elektrischen Infrastruktur erheblich. Bei komplexen Anlagen können auch spezialisierte Lohndienstleistungen für die Analyse und Optimierung in Anspruch genommen werden.


