Eine USV für industrielle Anwendungen dimensioniert man, indem man zunächst alle zu versorgenden Lasten erfasst, deren Gesamtleistung in kVA und kW berechnet, einen Sicherheitspuffer von mindestens 20 bis 25 Prozent einplant und anschließend die gewünschte Überbrückungszeit festlegt. Das Ergebnis bestimmt sowohl die USV-Topologie als auch die erforderliche Batteriekapazität. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen rund um die USV-Dimensionierung, Normen und den sinnvollen Einsatz ergänzender Notstromlösungen.
Welche Lasten müssen bei der USV-Dimensionierung berücksichtigt werden?
Bei der USV-Dimensionierung müssen alle elektrischen Verbraucher erfasst werden, die im Störfall weiter betrieben werden sollen. Dazu zählen Steuerungssysteme, SPS-Einheiten, Industrie-PCs, HMI-Panels, Netzwerkkomponenten, Sicherheitsrelais, Sensoren sowie kritische Antriebe. Entscheidend ist nicht die installierte Gesamtleistung der Anlage, sondern die tatsächlich benötigte Mindestlast für einen sicheren Weiterbetrieb oder einen geordneten Stillstand.
In der Praxis unterscheidet man drei Lastkategorien, die bei der Auslegung einer industriellen USV berücksichtigt werden sollten:
- Kritische Dauerlasten: Steuerungen, Leitsysteme und Kommunikationsinfrastruktur, die im Störfall durchgehend laufen müssen
- Kurzzeitige Spitzenlasten: Motoranlaufströme, Schützspulen oder andere induktive Lasten, die beim Einschalten ein Vielfaches des Nennstroms ziehen
- Nicht kritische Lasten: Beleuchtung, Klimatisierung oder Hilfsbetriebe, die bei einem Netzausfall abgeschaltet werden können
Besondere Aufmerksamkeit verdienen nichtlineare Lasten wie Frequenzumrichter, Schaltnetzteile und USV-gespeiste Servoantriebe. Diese erzeugen Oberschwingungen und können den Leistungsfaktor der Anlage deutlich verschlechtern. Eine sorgfältige Lastanalyse vor der USV-Auslegung verhindert Unterdimensionierung und teure Nachrüstungen. Dabei spielen Kenntnisse aus der Steuerungs- und Automatisierungstechnik eine entscheidende Rolle, um alle relevanten Verbraucher korrekt zu identifizieren.
Wie berechnet man die benötigte USV-Leistung in kVA und kW?
Die benötigte USV-Leistung ergibt sich aus der Summe aller zu versorgenden Lasten, multipliziert mit einem Sicherheitsfaktor. Zunächst addiert man die Wirkleistung aller Verbraucher in Watt (W) und teilt durch den Leistungsfaktor (cos φ), um den Scheinleistungsbedarf in VA zu erhalten. Anschließend wird ein Aufschlag von 20 bis 30 Prozent für Reserven und Erweiterungen eingerechnet.
Die Grundformel lautet:
- Scheinleistung (VA) = Wirkleistung (W) / Leistungsfaktor (cos φ)
- Auslegungsleistung = Scheinleistung × Sicherheitsfaktor (1,2 bis 1,3)
Ein Beispiel: Beträgt die Summe aller kritischen Lasten 8.000 W und liegt der mittlere Leistungsfaktor bei 0,8, ergibt sich eine Scheinleistung von 10.000 VA (10 kVA). Mit einem Sicherheitspuffer von 25 Prozent sollte die USV mindestens 12,5 kVA leisten können.
Wichtig ist dabei, Anlaufströme induktiver Lasten gesondert zu betrachten. Motoren und Transformatoren können beim Anlauf das Drei- bis Sechsfache ihres Nennstroms ziehen. Wird dieser Spitzenstrom nicht in der USV-Auslegung berücksichtigt, kann die USV beim Anlauf überlastet werden oder abschalten. Hersteller geben für ihre Geräte meist einen maximalen Stoßstromfaktor an, der mit den tatsächlichen Anlaufströmen der Anlage abgeglichen werden muss.
Welche Überbrückungszeit braucht eine industrielle USV?
Die erforderliche Überbrückungszeit einer industriellen USV hängt davon ab, welches Ziel im Störfall erreicht werden soll: ein geordneter Anlagenstopp, das Warten auf ein anlaufendes Notstromaggregat oder ein vollständiger Weiterbetrieb über einen längeren Zeitraum. Typische Werte liegen zwischen 5 und 30 Minuten für einen kontrollierten Shutdown und mehreren Stunden, wenn kein Aggregat vorhanden ist.
Für die Praxis lassen sich drei Szenarien unterscheiden:
- Kurzüberbrückung (5 bis 15 Minuten): Ausreichend, um laufende Prozesse geordnet zu beenden, Daten zu sichern und Maschinen sicher in den Stillstand zu fahren
- Mittlere Überbrückung (15 bis 60 Minuten): Sinnvoll, wenn ein Notstromaggregat vorhanden ist, das eine gewisse Anlaufzeit benötigt
- Lange Überbrückung (mehrere Stunden): Erforderlich bei sicherheitskritischen Anwendungen ohne Aggregat, etwa in der Prozessindustrie oder bei Serverräumen
Die Überbrückungszeit beeinflusst die Batteriekapazität erheblich. Je länger die gewünschte Autonomiezeit, desto größer und schwerer werden die Batterien. In vielen industriellen Umgebungen ist es wirtschaftlicher, eine moderate Überbrückungszeit von 10 bis 20 Minuten zu wählen und diese mit einem Notstromaggregat zu kombinieren, anstatt auf sehr große Batteriekapazitäten zu setzen.
Was ist der Unterschied zwischen Online-, Offline- und Line-Interactive-USV?
Der wesentliche Unterschied liegt darin, wie und wann die USV zwischen Netzbetrieb und Batteriebetrieb wechselt. Eine Online-USV versorgt den Verbraucher dauerhaft über den Wechselrichter, eine Offline-USV schaltet erst bei Netzausfall um, und eine Line-Interactive-USV liegt funktional dazwischen. Für industrielle Anwendungen ist die Online-Topologie in den meisten Fällen die richtige Wahl.
Online-USV (VFI)
Bei der Online-USV, auch als Doppelwandler-USV oder VFI (Voltage and Frequency Independent) bezeichnet, wird der Verbraucher permanent über den internen Wechselrichter gespeist. Das Netz lädt lediglich die Batterie und versorgt den Gleichrichter. Fällt das Netz aus, bemerkt der Verbraucher davon nichts, da keine Umschaltzeit entsteht. Diese Topologie bietet maximale Spannungsqualität und ist unempfindlich gegenüber Oberschwingungen, Spannungsschwankungen und Frequenzabweichungen. Sie ist für SPS-Systeme, Servoantriebe und empfindliche Messtechnik die erste Wahl.
Line-Interactive-USV (VI)
Die Line-Interactive-USV (VI, Voltage Independent) verfügt über einen Spannungsregler, der Schwankungen im Netz ausgleicht, ohne auf die Batterie zurückzugreifen. Erst bei einem vollständigen Netzausfall schaltet sie auf Batteriebetrieb um, was eine kurze Umschaltzeit von wenigen Millisekunden verursacht. Diese Topologie ist effizienter als die Online-Variante und eignet sich für weniger empfindliche Lasten wie Netzwerkkomponenten oder einfache Steuerungen.
Offline-USV (VFD)
Die Offline-USV (VFD, Voltage and Frequency Dependent) ist die einfachste und günstigste Variante. Im Normalbetrieb leitet sie die Netzspannung direkt durch und schaltet erst bei Ausfall auf Batterie um. Die Umschaltzeit beträgt typischerweise 10 bis 20 Millisekunden. Für industrielle Steuerungssysteme ist diese Topologie in der Regel nicht geeignet, da viele SPS und Industrie-PCs diese Unterbrechung nicht tolerieren.
Welche Normen und Schutzklassen gelten für industrielle USV-Systeme?
Industrielle USV-Systeme müssen die Norm IEC 62040 erfüllen, die in drei Teile gegliedert ist und Anforderungen an Sicherheit, elektromagnetische Verträglichkeit sowie Leistungsanforderungen und Prüfmethoden definiert. Darüber hinaus spielen Schutzarten nach IP-Klassifizierung eine wichtige Rolle, da Industrieumgebungen oft Staub, Feuchtigkeit und mechanische Belastungen mit sich bringen.
Die wichtigsten Normen und Anforderungen im Überblick:
- IEC 62040-1: Sicherheitsanforderungen für USV-Systeme
- IEC 62040-2: Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV)
- IEC 62040-3: Leistungsanforderungen und Prüfmethoden, definiert auch die Topologieklassen VFI, VI und VFD
- IEC 62477: Sicherheitsanforderungen für Leistungselektronik, relevant für den Wechselrichter
- VDE 0108: Anforderungen an Sicherheitsstromversorgungen in bestimmten Gebäudekategorien
Bei der Schutzart gilt: Für den Schaltschrank-Einbau in geschlossenen Räumen reicht oft IP20, für den Einsatz in staubigen oder feuchten Produktionsumgebungen sollte mindestens IP54 gewählt werden. In Außenbereichen oder bei aggressiven Medien kann IP65 oder höher erforderlich sein. Wer eine USV in einen bestehenden Schaltschrank integriert, muss sicherstellen, dass die Schutzart des Schranks zur Umgebung passt und die USV die thermische Last im Schrank nicht überschreitet.
Wann sollte man eine USV durch ein Notstromaggregat ergänzen?
Eine USV sollte durch ein Notstromaggregat ergänzt werden, wenn die Anlage bei einem längeren Netzausfall vollständig weiterbetrieben werden muss oder wenn die wirtschaftlich sinnvolle Batteriekapazität der USV für die geforderte Überbrückungszeit nicht ausreicht. Die Kombination beider Systeme ist in vielen industriellen Anwendungen der beste Ansatz. Mehr über ganzheitliche Versorgungskonzepte erfahren Sie im Bereich Energie- und Anlagentechnik.
Das Zusammenspiel funktioniert so: Die USV übernimmt sofort beim Netzausfall und überbrückt die Zeit, die das Aggregat zum Anlaufen und Synchronisieren benötigt. Diese Anlaufzeit beträgt je nach Aggregat zwischen 10 und 60 Sekunden. Die USV sorgt in dieser Phase für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, bevor das Aggregat die Last übernimmt.
Eine Ergänzung durch ein Notstromaggregat ist besonders sinnvoll in folgenden Situationen:
- Produktionsanlagen, die bei Stromausfall nicht einfach gestoppt werden können, etwa in der chemischen oder lebensmittelverarbeitenden Industrie
- Anlagen mit langen Wiederanlaufzeiten, bei denen ein Neustart nach einem Ausfall mehrere Stunden dauert
- Standorte in Regionen mit häufigen oder langen Netzausfällen
- Kritische Infrastruktur, bei der Ausfallzeiten direkte wirtschaftliche oder sicherheitstechnische Folgen haben
Wichtig bei der Kombination: Die USV muss aggregatkompatibel sein, das heißt, sie muss auch mit der unregelmäßigeren Spannung und Frequenz eines laufenden Aggregats zuverlässig arbeiten. Online-USV-Systeme sind hier im Vorteil, da sie die Netzqualität vom Verbraucher entkoppeln.
Wie KSV bei der USV-Dimensionierung und Energieversorgung unterstützt
Die richtige Auslegung einer unterbrechungsfreien Stromversorgung ist kein Standardprojekt. Sie erfordert eine genaue Kenntnis der Anlage, der Lastprofile und der betrieblichen Anforderungen. Genau hier setzen wir an: Als erfahrener Spezialist für Energieverteilung und industrielle Automatisierung begleiten wir Produktionsunternehmen von der Lastanalyse bis zur betriebsbereiten Installation. Einen Überblick über unsere Kompetenzen und unser Leistungsspektrum finden Sie auf unserer Unternehmensseite.
Unser Leistungsangebot rund um Energieversorgung und USV-Auslegung umfasst:
- Lastanalyse und Bedarfsermittlung: Wir erfassen alle kritischen Verbraucher, analysieren Anlaufströme und ermitteln den tatsächlichen Leistungsbedarf
- USV-Dimensionierung und Topologieauswahl: Auf Basis der Analyse empfehlen wir die passende USV-Klasse, Leistungsgröße und Batteriekonfiguration
- Integration in bestehende Schaltanlagen: Wir bauen USV-Systeme in neue oder bestehende Schaltschränke ein und stimmen die Schutzkonzepte aufeinander ab
- Notstromkonzepte: Wo sinnvoll, planen wir die Kombination aus USV und Notstromaggregat als vollständiges Versorgungskonzept
- Energiemanagement und Gebäudeautomation: Im Rahmen unseres Energiemanagements integrieren wir USV-Systeme in übergeordnete Leitsysteme, damit Ausfälle frühzeitig erkannt und protokolliert werden
Ob Neubau, Modernisierung oder Erweiterung einer bestehenden Anlage: Sprechen Sie uns an. Wir analysieren Ihren Bedarf, dimensionieren die passende Lösung und setzen sie zuverlässig um.


