Elektrische Anlagen schützt man vor Überspannungen durch den gezielten Einsatz von Überspannungsschutzgeräten (SPDs), eine durchdachte Schutzzonenplanung und die Einhaltung einschlägiger Normen wie DIN VDE 0100-443. Besonders in Industrieanlagen, wo empfindliche Steuerungs- und Automatisierungstechnik im Einsatz ist, kann eine ungesicherte Anlage bei einem einzigen Spannungsereignis erhebliche Schäden verursachen. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen rund um Ursachen, Schutzmaßnahmen und Normen im Bereich Überspannungsschutz.
Was sind die häufigsten Ursachen für Überspannungen in Industrieanlagen?
Die häufigsten Ursachen für Überspannungen in Industrieanlagen sind Blitzeinschläge, Schaltvorgänge im Versorgungsnetz und das Ein- oder Ausschalten großer induktiver Lasten wie Motoren oder Transformatoren. Diese Ereignisse erzeugen kurzzeitige Spannungsspitzen, die weit über dem Nennwert liegen und empfindliche Geräte schädigen oder zerstören können.
Im Industrieumfeld lassen sich die Ursachen in zwei Hauptkategorien einteilen:
- Atmosphärische Überspannungen: Blitzeinschläge in der Nähe eines Gebäudes oder direkt in die Versorgungsleitung erzeugen gewaltige Energiespitzen, die sich über das Stromnetz oder Datenleitungen in die Anlage fortpflanzen. Selbst ein indirekter Einschlag in Hunderten von Metern Entfernung kann ausreichen, um ungeschützte Steuerungskomponenten zu beschädigen.
- Betriebsbedingte Überspannungen: Das Schalten großer Lasten, Kurzschlüsse, Motorstarts oder das Abschalten von Transformatoren erzeugen sogenannte Schalttransienten. Diese entstehen direkt im Betrieb und sind oft schwerer vorherzusagen als atmosphärische Ereignisse.
Hinzu kommen Fehler im Versorgungsnetz des Energieversorgers, etwa durch Schalthandlungen in Umspannwerken oder Netzfehler. In Produktionsumgebungen mit hoher Maschinendichte, wie sie für viele mittelständische Fertigungsbetriebe typisch sind, summieren sich diese Risiken erheblich. Besonders SPS-Systeme, HMI-Panels und Antriebsregler reagieren empfindlich auf Spannungsspitzen und können durch wiederholte Belastung schleichend Schaden nehmen, bevor ein Totalausfall eintritt.
Wie funktioniert ein Überspannungsschutzgerät (SPD)?
Ein Überspannungsschutzgerät (SPD, Surge Protective Device) leitet überschüssige Energie bei einer Spannungsspitze kontrolliert ab, bevor diese die angeschlossenen Verbraucher erreicht. Es wirkt wie ein Sicherheitsventil: Solange die Spannung im Normalbereich liegt, bleibt das Gerät inaktiv. Überschreitet die Spannung einen definierten Schwellenwert, öffnet das SPD einen niederohmigen Pfad zur Erde und leitet die Energie ab.
Die meisten modernen SPDs arbeiten mit einem oder mehreren der folgenden Bauelemente:
- Varistoren (MOV): Metalloxid-Varistoren reagieren sehr schnell auf Spannungsspitzen und begrenzen die Spannung auf einen sicheren Wert. Sie sind in vielen Typ-2-Schutzgeräten verbaut.
- Funkenstrecken: Diese werden vor allem in Typ-1-Geräten eingesetzt und sind für die Ableitung sehr hoher Energiemengen ausgelegt, wie sie bei einem direkten Blitzeinschlag auftreten können.
- Suppressordioden (TVS): Besonders schnelle Bauelemente, die in der Feinschutzebene eingesetzt werden und empfindliche Elektronik schützen.
Wichtig zu verstehen ist, dass ein SPD die Überspannung nicht vernichtet, sondern umleitet. Deshalb ist eine korrekte Erdung der gesamten Anlage eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass der Schutz tatsächlich wirkt. Ein SPD ohne ordnungsgemäße Erdverbindung ist wirkungslos.
Welche Schutzklassen und Typen von Überspannungsschutz gibt es?
Überspannungsschutzgeräte werden in drei Typen eingeteilt: Typ 1 (Grobschutz), Typ 2 (Mittelschutz) und Typ 3 (Feinschutz). Diese Klassifizierung richtet sich nach dem Installationsort und der Energiemenge, die das Gerät sicher ableiten kann. In der Praxis werden alle drei Typen kombiniert, um einen gestaffelten Schutz über die gesamte Anlage zu gewährleisten.
Typ 1: Grobschutz an der Einspeisung
Typ-1-SPDs werden direkt am Hausanschluss oder in der Niederspannungshauptverteilung (NSHV) installiert. Sie sind für Anlagen vorgeschrieben, die mit einem äußeren Blitzschutzsystem ausgestattet sind, und können die hohen Energiemengen eines direkten oder nahen Blitzeinschlags ableiten. Der Prüfstrom für Typ-1-Geräte ist der sogenannte Blitzstoßstrom (Iimp).
Typ 2: Mittelschutz in der Unterverteilung
Typ-2-Geräte sind der Standard in den meisten gewerblichen und industriellen Anlagen. Sie werden in Unterverteilungen eingebaut und schützen vor Überspannungen, die nach dem Grobschutz noch verbleiben, sowie vor betriebsbedingten Schalttransienten. Der Prüfstrom ist hier der Nennableitstoßstrom (In).
Typ 3: Feinschutz am Endgerät
Typ-3-SPDs schützen einzelne empfindliche Geräte direkt am Verbrauchspunkt, also zum Beispiel an SPS-Einheiten, Messgeräten oder Industriecomputern. Sie sind nur in Kombination mit vorgelagerten Typ-1- oder Typ-2-Geräten wirksam und dürfen nicht als alleinige Schutzmaßnahme eingesetzt werden.
Wo müssen Überspannungsschutzgeräte in einer Anlage installiert werden?
Überspannungsschutzgeräte müssen an den Übergangspunkten zwischen den definierten Schutzzonen einer Anlage installiert werden. Das Konzept der Blitzschutzzonen (LPZ, Lightning Protection Zones) teilt eine Anlage in Bereiche mit unterschiedlichem Gefährdungsniveau ein, und an jeder Zonengrenze wird ein geeignetes SPD eingesetzt.
Konkret bedeutet das für eine typische Industrieanlage:
- Hausanschluss und NSHV: Hier wird ein Typ-1-SPD installiert, um den Übergang von außen nach innen zu sichern. Dies ist besonders relevant, wenn ein äußeres Blitzschutzsystem vorhanden ist.
- Unterverteilungen und Etagenverteiler: An diesen Punkten kommen Typ-2-Geräte zum Einsatz, die den Schutz innerhalb des Gebäudes oder der Produktionshalle übernehmen.
- Steckdosen und Geräteebene: Besonders empfindliche Verbraucher wie Steuerungsrechner, Messtechnik oder Kommunikationsgeräte werden zusätzlich mit Typ-3-SPDs gesichert.
Neben der Stromversorgung müssen auch Datenleitungen, Feldbussysteme und Kommunikationsnetze in das Schutzkonzept einbezogen werden. Eine Überspannung, die über eine ungeschützte Datenleitung in eine SPS eindringt, kann genauso viel Schaden anrichten wie eine über das Stromnetz eingespeiste Spitze. Das Schutzkonzept muss daher alle leitungsgebundenen Verbindungen umfassen. Mehr zu den Anforderungen an Energie- und Anlagentechnik in industriellen Umgebungen erfahren Sie auf unserer entsprechenden Leistungsseite.
Welche Normen und Vorschriften gelten für den Überspannungsschutz?
Für den Überspannungsschutz in elektrischen Anlagen gelten in Deutschland vor allem die Normen DIN VDE 0100-443, DIN VDE 0100-534 und die Reihe VDE 0185-305. Diese Regelwerke legen fest, wann ein Überspannungsschutz erforderlich ist, welche Geräte eingesetzt werden dürfen und wie die Installation zu erfolgen hat.
Die wichtigsten Normen im Überblick:
- DIN VDE 0100-443: Regelt, unter welchen Bedingungen Überspannungsschutzeinrichtungen installiert werden müssen. Sie definiert die Risikobeurteilung und legt fest, welche Anlagen zwingend zu schützen sind.
- DIN VDE 0100-534: Beschreibt die Auswahl und Errichtung von SPDs in Niederspannungsanlagen, einschließlich der Anforderungen an Leitungsführung, Absicherung und Koordination der Schutzgeräte.
- VDE 0185-305 (IEC 62305): Die Blitzschutznorm, die das gesamte Konzept des äußeren und inneren Blitzschutzes regelt und die Grundlage für das Schutzzonenkonzept bildet.
- DIN EN 61643-11 (VDE 0675-6-11): Produktnorm für SPDs in Niederspannungsanlagen, nach der die Geräte geprüft und klassifiziert werden.
Zusätzlich sind die Technischen Anschlussbedingungen (TAB) des jeweiligen Netzbetreibers zu beachten, da diese regionale Anforderungen enthalten können. Für Industrieanlagen, die unter besondere Betriebsbedingungen fallen, können weitere branchenspezifische Vorschriften und Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften relevant sein.
Wann sollte man einen Fachbetrieb für den Überspannungsschutz beauftragen?
Einen Fachbetrieb für den Überspannungsschutz sollte man immer dann beauftragen, wenn es um die Planung, Auswahl und Installation von SPDs in gewerblichen oder industriellen Anlagen geht. Die normkonforme Umsetzung erfordert eine Risikobeurteilung, Kenntnisse der Schutzzonenplanung und Erfahrung in der Koordination verschiedener Schutzgeräte. Diese Aufgaben sind keine Eigenleistung für Laien.
Konkrete Situationen, in denen ein Fachbetrieb zwingend hinzugezogen werden sollte:
- Bei Neuinstallation oder Erweiterung einer Niederspannungshauptverteilung oder Unterverteilung
- Bei der Modernisierung bestehender Anlagen, wenn ältere Schutzgeräte ersetzt oder ergänzt werden sollen
- Nach einem Schadensereignis durch Blitz oder Schalttransienten, um die Ursache zu analysieren und das Schutzkonzept zu verbessern
- Wenn empfindliche Automatisierungssysteme, SPS-Steuerungen oder Robotikanlagen in eine bestehende Infrastruktur integriert werden
- Wenn ein äußeres Blitzschutzsystem vorhanden ist oder geplant wird, da dies die Anforderungen an den inneren Überspannungsschutz direkt beeinflusst
Ein qualifizierter Fachbetrieb führt zunächst eine Risikobeurteilung nach DIN VDE 0100-443 durch, wählt die geeigneten SPD-Typen aus, koordiniert die Schutzgeräte aufeinander und dokumentiert die Anlage normkonform. Gerade in Produktionsumgebungen, wo ein ungeplanter Stillstand erhebliche Kosten verursacht, zahlt sich eine professionelle Schutzplanung schnell aus.
Wie wir bei KSV beim Überspannungsschutz unterstützen
Als erfahrener Spezialist für Energieverteilung und Industrieautomation begleiten wir bei KSV unsere Kunden von der ersten Risikobeurteilung bis zur betriebsbereiten Anlage. Unser Ansatz beim Überspannungsschutz ist immer ganzheitlich: Wir betrachten nicht nur einzelne Schutzgeräte, sondern die gesamte elektrische Infrastruktur, von der Mittelspannungseinspeisung bis zur Unterverteilung und den angeschlossenen Automatisierungssystemen. Einen Überblick über unser Unternehmen und unsere Leistungsschwerpunkte finden Sie auf unserer Unternehmensseite.
Was wir konkret für Sie leisten:
- Risikobeurteilung und Schutzzonenplanung nach DIN VDE 0100-443 und VDE 0185-305
- Auswahl und Koordination geeigneter SPDs der Typen 1, 2 und 3 für Strom- und Datenleitungen
- Integration in die NSHV und Unterverteilungen, normkonform nach DIN VDE 0100-534
- Schutz für Automatisierungskomponenten wie SPS-Systeme, HMI-Panels und Feldbusnetze
- Planung, Montage, Inbetriebnahme und Wartung aus einer Hand, branchenunabhängig
- Energiemanagement und Gebäudeleittechnik als ergänzende Leistungen für eine vollständig abgesicherte Infrastruktur
Ob Neuprojekt, Anlagenmodernisierung oder akuter Handlungsbedarf nach einem Schadensereignis: Wir sind Ihr Partner für zuverlässigen Überspannungsschutz in der Industrie. Sprechen Sie uns an, und wir entwickeln gemeinsam ein Schutzkonzept, das zu Ihrer Anlage passt.
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